Zwischen Tradition und Moderne: Zehn Tage in Fés
Die längste Fahrt zum schönsten Riad
Nach einer zweiwöchigen Reise durch den Norden Marokkos war Fes, die drittgrößte Stadt des Landes, schon unsere letzte Station vor der Weiterreise. Wie schon in Casablanca sollten wir hier länger bleiben, unsere Zeit allerdings auf zwei Unterkünfte in zwei verschiedenen Stadtteilen – eigentlich sogar zwei unterschiedlichen Welten – aufteilen. Zunächst ging es aber ein letztes Mal mit dem CTM-Bus auf die Straße, diesmal vom mit Abstand schäbigsten Busterminal unserer Reise. Digitale Anzeigen oder wenigstens gemütliche Wartesitze fand man hier nicht, gefühlt war das Terminal so alt wie die Medina selbst. Den richtigen Bus haben wir trotzdem gefunden und wieder saßen wir nicht vorne, trotzdem war die Fahrt deutlich weniger kurvig als die letzte. Allerdings ziemlich lang, insgesamt haben wir fünf Stunden bis nach Fes gebraucht (inklusive Pause an einer Tankstelle mit Löchern als Toiletten), dann aber waren wir nach kurzer Taxifahrt mitten in der Medina der Stadt und in der mit Abstand schönsten Unterkunft unserer Marokkoreise.
Das Riad Noujoum liegt mitten in der Medina von Fes, allerdings in der Seitenstraße einer Seitenstraße und somit absolut ruhig (vom Personal, das morgens sehr gerne laut durch den Innenhof brüllte und uns somit ungeplant zum Frühstück weckte einmal abgesehen). Sowohl Innenhof als auch Dachterrasse sind genau so, wie man sich sowas in Marokko vorstellt und auf letzterer gab es nicht nur jeden Morgen ein tolles frisches Frühstück, sondern auch einen guten Blick über die Altstadt. Das Zimmer war gefühlt so groß wie unsere Wohnung, hatte neben einem großen Doppelbett noch ein Stockbett, ein großes Bad und viele riesige Fenster in den Innenhof. Für 30 Euro die Nacht inklusive Frühstück ein absolutes Schnäppchen und generell vom Preis-Leistungsverhältnis eine der besten Unterkünfte unserer gesamten Reise.
Krönender Abschluss in der Medina von Fes
Ein paar Schritte aus unserem Riad und schon standen wir in der Medina von Fes. Die hat sich das Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe nicht nur dadurch verdient, dass es anscheinend die größte mittelalterliche Altstadt überhaupt ist, sie ist auch noch wirklich schön und die mit Abstand sehenswerteste Medina, die wir besucht haben. Alles wirkt irgendwie bunter, schöner und aufgeräumter. Gleichzeitig ist es deshalb auch touristischer und man wird häufiger von Verkäufern angesprochen, vermutlich bedingt sich das alles gegenseitig. Außerdem haben wir uns hier erstmals überhaupt in Marokko trotz Google Maps so richtig verlaufen, denn am Ende sehen die ganzen Gassen doch irgendwie alle gleich aus und biegt man einmal anders ab als geplant, kommt selbst der beste Orientierungssinn an seine Grenzen. Dass es hier durch die vielen Touristen nochmal wuseliger ist als in anderen Souks macht es nicht gerade leichter, andererseits gehört ein Verlaufen bei sowas auch irgendwie zum Abenteuer dazu. Gerade dann, wenn wir uns keinen Plan gemacht haben und uns einfach so durch die Straßen haben treiben lassen, haben wir die besten Sachen gefunden. Zum Beispiel eine kleine Gasse voller bunter Bilder und Gemälde. Und auch gegessen haben wir mal wieder sehr gut. Die Medina von Fes war definitiv ein gelungener Abschluss unserer Tour durch Marokko. Wären wir andersrum gereist, hätte sie die Messlatte für die anderen Altstädte sehr hochgelegt. Sich selbst auf die Schulter klopfen darf man ja wohl hin und wieder mal.
Eine Woche in der Neustadt
Mit dem Wissen, dass mit Italien noch intensiveres Sightseeing auf uns warten würde als in Marokko, haben wir in weiser Voraussicht beschlossen, dafür vorher ein paar Tage Kraft zu tanken. Dafür hatten wir uns für eine Woche in ein Apartment einquartiert. Das lag im Ville Nouvelle, also der modernen neuen Stadt außerhalb der Medina von Fes, die wie in Rabat während der französischen Kolonialzeit entstanden ist. Die bietet absolut nichts für Touristen (und heute können wir behaupten: auch nicht für Marokkaner, denn hier geht absolut gar nichts), eignet sich dann aber ganz gut fürs Nichtstun, Runterkommen und Planen der nächsten Wochen. Der Start der Woche war allerdings sehr holprig, denn uns war nicht klar, wie schwierig es werden sollte, überhaupt zur Unterkunft zu gelangen. Nachdem wir uns mit Gepäck durch die wuselige Altstadt gekämpft hatten, lehnten es sämtliche Taxifahrer ab, uns zu fahren. Ein Blick auf unser Ziel auf Google Maps und jeder fuhr mit einem „no“ einfach weiter. Warum, wissen wir bis heute nicht so wirklich, wir vermuten aber, dass keiner so richtig etwas mit dem Kartenausschnitt anfangen konnte. Schließlich nahm sich uns ein freundlicher Mann an und erkannte den Stadtteil auf der Karte, stoppte ein Taxi und erklärte dem Fahrer, wo er uns hinzubringen hatte. Unsere kurze (und durchaus berechtigte) Überraschung darüber, dass der Mann tatsächlich einfach freundlich war und kein Trinkgeld für seine Hilfe wollte, wich schnell wieder der leider allgegenwärtigen marokkanischen Lebensrealität. Nämlich der, Touristen möglichst effektiv über den Tisch zu ziehen. Statt den von unserem Helfer geschätzten 20 bis 30 Dirham verlangte der Fahrer nämlich am Ende 70. Das bringt uns nicht um, hinterlässt aber einfach nicht den besten Eindruck. Und festigt uns in unserer Entscheidung, das Land wegen solcher Dinge nicht mehr zu bereisen.
Der Ärger musste dann aber einfach runtergeschluckt werden – und verflog spätestens nach dem Check-in in unser Apartment, denn das war wirklich schön. Es lag in einer modernen und bewachten Wohnanlage, hatte ein großes Wohnzimmer, eine Küche mit Waschmaschine (wodurch die dann zweimal zum Wäschezimmer wurde, in der auf jedem erdenklichen Möbelstück Wäsche getrocknet wurde) und ein separates Schlafzimmer. Bis auf die Dusche, deren Armatur uns mit Stromschlägen umbringen wollte, wenn man sie berührte, war alles gut. Nur in Sachen Schallisolierung war wieder einmal Nachholbedarf. Zumindest dann, wenn nebenan Leute wohnen, die lauter telefonieren als der Muezzin zum Gebet ruft. Das Phänomen, dass Leute nicht wissen, dass Telefone die Stimme auch in normaler Lautstärke auf magische Weise über große Entfernungen transportieren können, hält sich hartnäckig in jedem Teil der Welt. Irgendwie faszinierend. Leider aber auch sehr nervig und unnötig.
Die Tage im Apartment waren geprägt von einem ziemlich ereignisarmen Tagesablauf. Meistens haben wir einfach ausgeschlafen, gefrühstückt und an den Laptops gesessen. Zweimal sind wir einkaufen gefahren, einmal zum nächstgelegenen Carrefour, einmal in ein großes Einkaufszentrum, in der neben einem noch größeren Supermarkt die Bier- und Weinabteilung das große Highlight war. Dafür war die Taxisuche danach ein ziemliches Anti-Highlight, denn bis wir eines gefunden hatten, das nicht entweder besetzt war oder der Fahrer viel zu viel Geld haben wollte (mittlerweile waren wir immerhin so schlau, vorher nachzufragen), verging einige Zeit. Dafür wurde es am Ende eines, in dem der Fahrer sogar das Taxameter anstellte. Es geschehen also doch noch Wunder! 8 statt 70 Dirham kostete die Fahrt dann am Ende übrigens. Nur, um mal einzuordnen, welche Preise sonst gerne von Touristen verlangt werden. Am letzten Morgen waren wir in einem nahegelegenen Café sehr gut und sehr schokoladig frühstücken, weil nix mehr im Haus war und sich ein weiterer Einkauf nicht mehr lohnte. Und dann war die Woche auch irgendwann schon vorbei. Festhalten können wir zwei Dinge: die Woche Auszeit war absolut sinnvoll und die Wohnung war dafür auch gut geeignet. Insgesamt haben wir aber beide für uns festgestellt, dass Marokko eines der Länder ist, in das wir nicht zurückkehren werden. Zu oft hatten wir hier das Gefühl, für die Einheimischen eher als wandelnde Geldautomaten gesehen zu werden. So faszinierend das Land und die Kultur und so schön viele Flecken in Marokko auch sind, der Umgang mit Touristen bleibt ein großes Problem. Bereut haben wir die Reise nach und durch das Land trotzdem nicht. Denn sonst hätten wir diese Erkenntnis ja gar nicht. Und dass bei einer zwölfmonatigen Reise nicht alles super ist, sollte auch jedem klar sein.