Vom See in den Urwald: Lanquin und Semuc Champey

Unsere zweite Shuttlefahrt stand an. Und es sollte eine echt lange und schreckliche werden. Sicherlich immer noch besser als mit Chicken Bussen, von denen wir fünf, sechs hätten nehmen können, um ans Ziel zu kommen, aber diese Shuttlefahrt (und auch die nächste) haben locker all das, was wir in Costa Rica erlebt haben, in den Schatten gestellt. Aber der Reihe nach. Es sollte nach Lanquin gehen, eine kleine Stadt in Zentralguatemala. Die Stadt selbst ist relativ unbekannt und hat (für Touristen) kaum etwas zu bieten, allerdings liegt mit Semuc Champey eine der schönsten und bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Landes direkt vor der Haustür. Trotz seiner Schönheit wird Semuc Champey aber immer noch verhältnismäßig wenig besucht. Das Problem: die Anfahrt. Guatemala ist groß und bergig und die Straßen daher steil, sodass man oft nur schleichend vorankommt. Diese Tatsache und die ohnehin schlechten Straßen sorgen dafür, dass man von Panajachel beispielsweise mindestens zehn Stunden für die Fahrt einplanen muss. Mit anderen Worten: einen ganzen Urlaubstag. Das überlegt sich der normale Urlauber natürlich zweimal und lässt Semuc Champey am Ende vermutlich in den allermeisten Fällen weg. Aber wir hatten ja die Zeit und fühlten uns abgehärtet genug, uns das anzutun.

Das am wenigsten Überraschende zuerst: Das Shuttle kam zu spät. Wieder waren es knapp 45 Minuten. Denn trotz (oder gerade wegen?) unserer zentralen Lage in Panajachel waren wir die letzten, die abgeholt wurden. Und da das Shuttle mit uns voll war, blieben natürlich nur die unbeliebtesten Plätze übrig: ganz hinten mit irgendwie engen und schiefen Sitzen. Juhu. Eine erste kurze Pause nach zwei Stunden stellte sich zu allem Verdruss noch als ungeplanter Stopp heraus, da uns ein Reifen geplatzt war. Immerhin hier und nicht irgendwo mitten im Land, denn so wurde der Reifen glücklicherweise schnell und unkompliziert gewechselt. Die nächste ungeplante Pause gab es drei weitere Stunden später, ausgelöst durch eine Straßensperre, von der niemand weder wusste, wie lange sie anhalten würde, noch, was überhaupt die Ursache war. Nach circa einer Stunde Wartezeit am Fahrbahnrand kam jemand mit einem Farbeimer vorbei, setzte Markierungspunkte in die Mitte der Fahrbahn und kurz darauf ging es weiter. Bei unserem letzten (diesmal geplanten) Stopp bei McDonalds in Coban, der nächstgrößeren Stadt vor Lanquin, waren wir schon zehn Stunden unterwegs. Essen aus Frust, weniger aus Hunger. Wobei der durchaus auch vorhanden war, denn bislang gab es den Tag über nur nicht sehr nahrhafte Raststättensnacks. Am Ende waren wir mehr als zwölf Stunden unterwegs, als wir im Dunkeln in Lanquin ankamen. An der Haltestelle wurden wir zum Glück vom Besitzer unserer Unterkunft eingesammelt und nach einer kurzen Stadttour, in der er uns alle (drei) Restaurants der Stadt zeigte, zum Hotel gebracht. Ein Bett war jetzt wirklich alles, was wir brauchten.

Unsere Zeit in Lanquin

Lanquin ist, wie bereits erwähnt, nicht gerade der Sehnsuchtsort jedes Reisenden. Es ist tatsächlich eine ganz normale Stadt, die hauptsächlich vom Kaffeeanbau lebt, seit ein paar Jahren aber zunehmend Semuc Champey als Einnahmequelle für sich entdeckt. Mittlerweile gibt es einige Unterkünfte in Lanquin für alle, die lieber in der Stadt als im Dschungel übernachten wollen, weil sie nicht auf Annehmlichkeiten wie Restaurants, Supermärkte und Verkehrsanbindung verzichten wollen. Unsere Unterkunft, das Lauris Hotel, liegt östlich des Stadtzentrums, ist aber von diesem nur einen zehnminütigen Fußmarsch entfernt. Das Hotel an sich war auch nett, die Zimmer waren groß, Bett und Bad in Ordnung. Was leider fehlte, war eine Klimaanlage. Die hatten wir bislang in Guatemala nicht vermisst, weil wir immer recht hoch über dem Meeresspiegel waren und es abends daher gut abkühlte. Hier allerdings war es warm, eigentlich sogar heiß, und kühlte abends kaum ab. Das viel größere Problem war aber die Lautstärke. Das Hotel liegt, wie alles hier, an der viel befahrenen Hauptstraße, über die Tag und Nacht Trucks mit ihren extrem lauten Motoren brettern. Das wäre erträglich, gäbe es in Mittelamerika schalldichte Fenster. Gibt es aber nicht und deshalb fühlte es sich bei jedem LKW so an, als würde er direkt durchs Schafzimmer fahren. Fuhr kein LKW, hörte man entweder laute Musik aus Nachbarhotels, bellende Hunde und ab etwa sechs Uhr morgens einen lauten Stromgenerator auf der anderen Straßenseite. Lanquin war mit Abstand die lauteste Stadt, in der wir waren. Nächstes Mal nur noch mit noise cancelling…

Aus Lanquin selbst gibt es sonst nicht viel zu berichten. Wir haben in einem der wenigen Cafés ein spätes Frühstück, eigentlich eher Mittagessen, gegessen und sind dann einmal durchs Dorf marschiert. Bis auf einen kleinen Markt gab es dort wirklich nicht viel zu sehen, also sind wir zeitig wieder zurück zum Hotel gelaufen und haben dort unseren Nachmittag verbracht. Die Hängematten waren trotz der Hitze und des Lautstärkepegels sehr einladend. Zumindest, solange sie im Schatten hingen. Einen Tipp können wir für Lanquin aber tatsächlich doch geben: Ein Abendessen im Zen Bistro am östlichen Rand der Stadt. Hier hat ein britischer Koch ein Restaurant eröffnet. Warum hier? Keine Ahnung. Aber das Essen ist wirklich gut!

Semuc Champey

Wie oben erwähnt ist Semuc Champey ein zwar sehr bekanntes Naturschutzgebiet, aufgrund seiner Abgelegenheit aber immer noch nicht überlaufen. Vermutlich weil man nicht so schnell hinkommt. Die vergleichsweise wenigen Individualtouristen, die den Weg auf sich nehmen, sorgen so dafür, dass das Gebiet noch sehr viel von seiner Unberührtheit und Natürlichkeit bewahren kann. Stichwort Infrastruktur: Wer dort hinwill, muss nicht nur die langwierige Anreise nach Lanquin hinter sich bringen, sondern dann auch noch eine mindestens einstündige Fahrt runter ins Naturschutzgebiet überstehen. Auch ein Grund, wieso wir lieber in Lanquin geblieben sind. Wer seine Unterkunft in oder bei Semuc Champey hat oder einfach dort für einen Ausflug hinwill, kann entweder ein normales Taxi nehmen oder – und das ist die gängige Methode – fährt auf der Ladefläche eines Pickups mit. Das ist mit 25 Quetzales (ungefähr 3 Euro) auch sehr erschwinglich. Und so geht es dann über sehr buckelige Straßen den Dschungel hinunter. Dank einer weiteren Straßensperre dauerte die Anreise auch hier wieder gute zwei Stunden. Diesmal war immerhin der Grund klar: Die Straße wurde neu gemacht, aus einer Strecke voller Schlaglöcher, Staub und Felsen sollte eine asphaltierte Straße werden. Gut für den Tourismus, vermutlich schlecht für die Natur. Während der Fahrt kommt man auch irgendwann an Unterkünften vorbei. Die sind meist einfach und oft abends ohne Strom. Außerdem ist man hier aufgrund fehlender Alternativen darauf angewiesen, dass man dort etwas zu essen und zu trinken bekommt. Besonders wählerisch darf man also nicht sein.

Der Eintritt für Semuc Champey beträgt knapp 6 Euro, dafür darf man sich dann den ganzen Tag auf dem Gelände aufhalten. Erster Punkt auf der Tagesordnung: Zum Aussichtspunkt kraxeln und sich das Schauspiel einmal von oben angucken. Viele Stufen, Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit: nicht die beste Kombi. Aber der Weg lohnt sich. Von oben hat man einen tollen Blick auf die Pools, wieder mal ein Postkartenmotiv. Und in diesen Pools kann man dann zur Belohnung für die Strapazen schwimmen, sobald man die steilen Treppen nach unten überwunden hat. Das Wasser hier hat eine tolle Farbe und ist super klar. Und herrlich erfrischend! Nur die Fische, die offenbar sehr gerne Hautschuppen essen, müssten nicht sein. Aber wer in Bewegung bleibt, schüttelt die meisten ab. Ansonsten gibt es auf dem Gelände noch einen Wasserfall und außerhalb des Parks kann man irgendwo Tubing machen, sich also entspannt auf einem Reifen durch den Fluss treiben lassen. Die Hauptsehenswürdigkeit und -attraktion von Semuc Champey sind aber die Pools. Allein dafür lohnt sich die Anfahrt auf jeden Fall!

Wie die Anreise, so die Abreise

Drei Nächte in Lanquin sind absolut ausreichend. Man könnte auch sagen: Eine Abreise war absolut überfällig. Nicht nur, weil Semuc Champey unserer Meinung nach nicht mehr als ein Tagesausflug wert ist, sondern vor allem wegen der Lautstärke unserer Unterkunft. Und überhaupt. Mit Flores stand als nächstes auch schon der letzte Stopp unserer Guatemala-Reise auf dem Programm, bevor es weiter ins nächste Land gehen sollte. Und so sehr wir uns auf unsere nächste Unterkunft (mit Klimaanlage!) freuten, umso mehr verfluchten wir das, was dazu notwendig war: eine weitere Shuttlefahrt. Und natürlich wieder um die zehn Stunden lang. Immerhin waren die Voraussetzungen diesmal deutlich besser: Das Shuttle war einigermaßen pünktlich und unsere Plätze waren gut. Im Vergleich zum vorherigen Shuttle sogar richtig bequem. Aber Fahrten ohne ungeplante Hindernisse scheint es in Guatemala nicht zu geben. Diesmal gerieten wir in eine Straßensperre, die durch einen Protest einer Stadt ausgelöst wurde. Wir glauben, dass es eine Demonstration um Strompreiserhöhungen ging, sind uns aber nicht sicher. Jedenfalls wurde kein Fahrzeug durchgelassen, ein kilometerlanger Stau entstand. Natürlich in der prallen Sonne. Zwischenzeitlich hieß es schon, wir müssten mit samt Gepäck an der Blockade vorbeilaufen und in einen neuen Bus steigen. Dann löste sich alles plötzlich auf. Man muss auch mal Glück haben! Im Nachhinein erfuhren wir, dass solche Blockaden manchmal auch 24 Stunden dauern können. Ein weiteres Nadelöhr war eine winzige Fähre, die über einen schmalen Fluss fuhr. Wir mussten zwar nur kurz warten (und auch hier nochmal den Bus verlassen, da er sonst zu schwer war, um von der Fähre zu kommen…sehr vertrauenserweckend), aber hier könnte man wirklich mal über eine Brücke nachdenken. Danach ging es aber ohne weitere Pausen oder Schwierigkeiten nach Flores. Am Ende waren es trotzdem wieder zwölf Stunden, die wir unterwegs waren. Umso glücklicher waren wir, als wir endlich in unserem Airbnb angekommen waren. Es war ruhig, es war kühl und es gab Pizza. Unsere heilige Dreifaltigkeit für diesen Abend.