Sidemen, das ursprüngliche Bali

Nach Ubud ging es für uns weiter in den Osten Balis, allerdings nicht bis an die Küste, sondern im Grunde weiter oder tiefer ins Landesinnere. Sidemen (oder auch Sideman, wir wissen bis heute nicht, was stimmt oder ob beides stimmt, mal liest man es mit a, mal mit e) sollte es für eine Nacht sein. Wenn Ubud als kulturelles Zentrum gilt, kann man Sidemen vielleicht als kulturelle Quelle bezeichnen, denn hier soll alles noch sehr ursprünglich und traditionell zugehen, weil der Tourismus noch nicht so eingeschlagen ist wie in anderen Teilen Balis.

Das merkten wir schon bei der Anreise. Der Verkehr wurde weniger, die Straßen wurden schmaler, die Schlaglöcher tiefer und zahlreicher. Die Häuser sind hier kleiner, älter, weniger modern. Wir waren das erste Mal in einer Gegend, in dem nicht nach spätestens fünf Minuten ein Café oder Hotel an einer Straßenecke erschien. Auch unsere Unterkunft war viel schlichter als das, was wir aus Ubud oder auch davor aus Kuta gewohnt waren. Die Villa Uma Ayu hatte keine Klimaanlage, keinen aufwändig angelegten Garten und auch kein großes Restaurant, trotzdem – oder gerade deshalb? – haben wir uns hier sehr wohl gefühlt. Alles schien sehr naturbelassen bzw. in die Natur eingefügt. Wir hatten ein zweistöckiges Haus für uns, jede Etage hatte ein eigenes Bad und ein großes Bett mit Mosquitonetz. Und von der Terasse des oberen Stockwerks hatte man einen tollen Blick über die Anlage. Falls es in Ubud nicht schon so gewesen ist, hatten wir spätestens jetzt das Gefühl, wirklich in der Natur zu sein.

Pura Besakih – der Muttertempel

Wie auch von Ubud aus lassen sich von Sidemen gut Ausflüge ins Umland machen. Mit dem Unterschied, dass es hier deutlich schwieriger ist, sich einen Fahrer zu organisieren. Die Unterkunft hilft selbstverständlich, aber erfahrungsgemäß zahlt man hier bedeutend mehr, als wenn man sich selbst um den Transfer kümmert. Während Bluebird-Taxis hier gar nicht verkehren, verirren sich hin und wieder Grab-Fahrer nach Sidemen, aber auch nur dann, wenn sie zufällig jemanden hier abliefern. Das war unser Glück, nach langer Suche fanden wir tatsächlich einen Fahrer, der wie er uns erzählte eigentlich aus Denpasar kam und durch verschiedene Aufträge bis nach Sidemen geleitet wurde.

Unser Auftrag führte ihn jetzt noch weiter weg von Zuhause, wir wollten uns den „Muttertempel aller balinesischen Tempel“ angucken. Pura Besakih ist der wichtigste hinduistische Tempel ganz Indonesiens und befindet sich am Fuße des Agung, der höchsten Erhebung Balis. Genauer gesagt handelt es sich nicht um einen einzigen Tempel, sondern um ein weitläufiges Areal mit zahlreichen Tempeln, die unterschiedlichen Dorfgemeinschaften gehören und verschiedenen Göttern gewidmet sind. Alle 100 Jahre findet hier eine große Opferzeremonie zur „Reinigung des Universums“ statt. Unser Fahrer schien kein Hindu, oder zumindest kein besonders gläubiger Hindu zu sein, denn weder wusste er so genau, wo er hin muss, noch wo er uns am besten rauslassen und parken kann. Straßensperrungen taten ihr Übriges. Um den Tempel herum wurden Straßen gebaut oder repariert. Als er auf einen Parkplatz nahe des Tempel fuhr, sprangen plötzlich mehrere Frauen aus ihren Verkaufsständen, rannten dem Auto hinterher und klopften auf Dach und Seiten. Wir glaubten, sie wollten uns damit zu verstehen geben, dass man nicht weiter an den Tempel heranfahren könne. Zunächst versuchte unser Fahrer sie noch zu ignorieren, schließlich gab er dem Klopfen nach und ließ uns aussteigen.

Sobald wir die Autotüren öffneten, fanden wir uns in einem Pulk hysterisch schreiender Verkäuferinnen wieder, die uns laut gestikulierend einen Sarong verkaufen wollten. Wir waren mittlerweile ja einiges an Aufdringlichkeit gewohnt, aber von einer Horde Frauen umringt und angebüllt werden, dass man auf jeden Fall einen Sarong für den Tempel kaufen müsse, war dann doch neu. Zum Glück hatten vorher gelesen, dass so etwas in der Art passieren würde (auch wenn uns das Ausmaß dann doch überraschte). Und dass wir überhaupt keinen Sarong kaufen müssen, da der (wie vorher auch schon) im Eintrittspreis enthalten sein würde. Wir ließen das Gekreische also unbeeindruckt hinter uns (selbst wenn wir unbedingt einen Sarong hätten haben wollen: die Verkaufsatmosphäre sollten die Damen dringend überdenken) und marschierten Richtung Tempeleingang (und kamen dabei – wer hätte das gedacht – an vielen freien Parkplätzen vorbei).

Bis zum Ticketschalter ging es dann nochmal an einigen Shops und Imbissen vorbei, die allerdings weit weniger aufdringlich waren als das, was wir davor erlebt hatten. Pro Person haben wir dann ca. 4€ Eintritt bezahlt – inklusive Sarong, um es nochmal zu erwähnen. Im Preis enthalten ist außerdem noch ein Tourguide, allerdings haben wir den abgelehnt, weil wir uns die Anlage selbst angucken wollten (und ehrlich gesagt ein wenig auf Misstrauen gepolt waren). Der Hauptplatz der Anlage war belebt und gut besucht – und wer wirklich einen Tourguide wollte, hat auch einen bekommen. Und mit ihm sicherlich viele Infos über die Tempelanlage. Für uns hat es gereicht, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Je weiter man sich vom Hauptplatz entfernte, desto schöner und ruhiger wurde die Anlage. Sowohl Verkäufer als auch andere Touristen wurden weniger. Man hätte noch viel weiter laufen können, als wir es getan haben, aber uns steckte noch der Ausflug auf den Vulkan in den Knochen … Was uns leider fehlte war die Aussicht: es war wieder (bzw. immer noch) neblig und vom Agung oder den umliegenden Dörfern sahen wir gar nix. Insgesamt hat sich der Ausflug aber trotzdem gelohnt, auch wenn – das muss man ganz klar sagen – die ganzen Leute, die einem etwas andrehen wollen, gehörig auf den Geist gehen.

Viele Grüße an dieser Stelle nochmal an Anne, die das alles sehr treffend mit der Geschichte von Jesus, wie er alle aus dem Jerusalemer Tempel warf, verglichen hat. Bei der nächsten Reinigung des Universums vielleicht auch mal hier ein bisschen reinigen. Nur so als Idee.

Das alte und neue Sidemen: Abendessen im Eco Resort

Den Abend ausklingen lassen wollten wir bei einem Abendessen im benachbarten Darmada Eco Resort. Dessen Restaurant hat unser Reiseführer explizit empfohlen – und da er uns in Ubud auch nicht enttäuscht hatte, waren wir uns sicher, hier auch wieder eine gute Wahl zu treffen. Das Resort war fußläufig von uns zu erreichen und beeindruckte schon im Eingangsbereich. Alles wirkte sehr gepflegt und die Wege waren durch kleine Lampen in warmes Licht getaucht. Das Restaurant war direkt an einem Fluss gelegen und herrlich beleuchtet. Und auch das Essen konnte sich sehen und genießen lassen!

Hinterher kamen wir noch mit dem Resortchef ins Gespräch. Wir hatten zwar von Sidemen selbst kaum etwas gesehen, aber aus unserer Unterhaltung konnten wir viel von dem ableiten, was wir uns vorher schon gedacht hatten. Sidemen gilt nicht nur aufgrund seiner Ursprünglichkeit als das „Ubud von vor 10 Jahren“, sondern auch, weil es ihm entsprechend nacheifert. Sidemen möchte ein zweites Ubud werden, es sollen mehr Hotels und Restaurants und eine entsprechende Infrastruktur entstehen. Der Resortchef sah sich ein wenig als Vorreiter, denn sein Resort sei genau auf den Tourismus ausgelegt, den man sich hier erwarte: Touristen, die das traditionelle Bali erleben, aber dabei nicht auf westlichen Komfort verzichten wollen. Ein bisschen Massage, ein bisschen Yoga. Ein bisschen spirituell hier, ein wenig gesundes Essen dort. Er war sehr stolz auf das, was er hier geschaffen hat und voller Vorfreude auf das, was er für Sidemen erwartet. Ob ein „zweites Ubud“ allerdings zielführend ist oder sich die Touristen, die eben nicht nach Ubud wollen, dann auch ein „neues Sidemen“ suchen, bleibt für uns offen.