Road Trip Tag 8: Der Grand Canyon
Für den nächsten Tag hatten wir uns ein paar Wanderwege und Aussichtspunkte rausgesucht, die wir erkunden wollten. Der erste Punkt auf der Liste war, den Sonnenaufgang am Mather Point zu genießen. So früh morgens war es noch arschkalt, minus drei Grad, wenn ich mich richtig erinnere. In unserem Zimmer waren es auch kühle 16 Grad – wir haben nämlich über Nacht die zum Schlafen zu laute Heizung ausstellen müssen. Die durfte dann morgens erstmal ordentlich arbeiten. Als wir am Mather Point ankamen, waren wir natürlich nicht die einzigen, die hier den Sonnenaufgang anschauen wollten, doch es war noch nicht so viel los, dass es genervt hätte.
Danach sollte es losgehen auf unsere erste Wanderung. Doch zuvor standen wir noch vor der schier unlösbaren Aufgabe, uns ein Frühstück zu organisieren. Die Kioske im Park hatten teilweise noch geschlossen. Die Frühstücksrestaurants hatten keine einzige vegetarische Alternative im Angebot – oder sie war bereits ausverkauft. Im Supermarkt gab es auch kein einziges vegetarisches Sandwich mehr und für vier Bagels mit Frischkäse hätten wir locker 15$ bezahlen müssen. Das war uns dann doch ein bisschen zu teuer. Schließlich hielten wir nach über einer Stunde durch-den-Park-Gegurke endlich einen Kaffee, einen Blaubeermuffin und einen Burrito in den Händen. Zimtschnecken und Schokocrossaint waren nämlich schon aus. Man nimmt, was man kriegen kann.
Wir waren hochmotiviert und bereit für die erste Wanderung. Doch der Frühstücks-Fail sollte nicht unser letztes Problem an diesem Tag gewesen sein …
Komplette Stille am Shoshone Point
Als erste Wanderroute für den heutigen Tag hatten wir uns den South Kaibab Trail ausgesucht. Das ist ein Wanderweg, der in den Canyon hineinführt, also bergab. Der Hinweg ist also recht easy, wieder zurück nach oben wird’s anstrengend. Deshalb sollte man sich nicht überschätzen und zu weit in den Canyon laufen, wenn man dafür nicht fit genug ist. Unser Plan war es, bis zum Ooh Aah-Point zu laufen. Das ist ein Aussichtspunkt, den man relativ schnell erreichen kann und von dem aus man auch relativ einfach wieder zurück nach oben kommt.
Man kann im Park übrigens überall ganz bequem mit dem Auto hinfahren, alle Straßen sind geteert, es gibt mehr als genug Parkplätze und es fahren sogar Shuttlebusse. Zum South Kaibab Trailhead kommt man nicht direkt mit dem Auto. Die Straße, die dorthin führt, darf nur von Bussen befahren werden. Alle, die mit dem Auto unterwegs sind, müssen noch circa 15 Minuten zu Fuß zum Trailhead laufen.
Das haben wir auch gemacht. Und der Fußmarsch hat einen Vorteil: Man kann die riesigen Hirsche, die sich in den Nadelwäldern verstecken, perfekt beobachten. Am Trailhead angekommen, machte sich schnell die Ernüchterung breit. Wanderer, die sich vor uns auf den Weg machen wollten, kehrten wieder um. Der Grund: Eis auf dem Wanderweg. Nicht untypisch für den Februar. Da wir auch wenig Bock hatten, auszurutschen und in den Canyon zu fallen, blieben wir erst einmal oben. Andere waren besser vorbereitet und hatten Spikes dabei, die sie sich um die Schuhe schnallen konnten. Wir mit unseren abgelatschten Vans hatten da nicht die besten Karten. Zwischendurch liefen aber auch immer wieder Leute richtig unvorbereitet in den Canyon hinein, mit Turnschuhen und Jogginghose. Die rutschten zwar auch aus, waren davon aber wenig bis gar nicht beeindruckt.
Ein älterer Herr, den wir am Trailhead trafen, erzählte uns von einem echten Geheimtipp: dem Shoshone Point. Philipp meinte, er hätte den auch auf der Liste gehabt, also so geheim konnte der Tipp nicht sein. Doch wir glaubten dem Mann, dass die Aussicht dort einmalig sei. Also stiegen wir wieder ins Auto und schoben die Wanderung über den South Kaibab Trail auf den Nachmittag, in der Hoffnung, dass die Sonne das Eis bis dahin weggeschmolzen hatte.
Zum Shoshone Point ging es zunächst durch den Wald. Der Weg war teilweise schneebedeckt und größtenteils super matschig. Da waren unsere Schuhe auch nicht die besten. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir da durch den Wald gestapft sind, bestimmt waren es 20 Minuten oder auch eine halbe Stunde. Dann kamen wir an einer großen Picknickarea an, direkt an der Canyon-Kante. Hier gabs Mülleimer, Bänke und Tische und sogar Toiletten. Ich dachte, wir hätten unser Ziel erreicht und habe mich schon über die tolle Aussicht gefreut. Doch Maps Me (eine App mit Offline-Karten) sagte uns, dass es zum Shoshone Point noch ein Stückchen weiter ging.
Die Karte führte uns auf einen breiten (wirklich sehr breiten) Felsvorsprung, an dessen Ende ein schmaler, hoher Felsen stand: der Shoshone Point. Wir waren komplett alleine dort. Es war unendlich ruhig, fast schon bedrückend leise. Die Aussicht hat uns komplett geflasht. So eine unfassbar schöne Landschaft, so eine Weite. Wir konnten sogar den strahlend blauen Colorado River sehen, der sich durch den Canyon schlängelt und kamen uns winzig klein vor. Am Shoshone Point kann man es sich auf den Steinen richtig gemütlich machen. Wir hätten hier Stunden verbringen können. Doch der Ooh Aah-Point wartete ja noch auf uns. Und so langsam hielt auch der Muffin nicht mehr vor. Zum Glück hatten wir noch Bananen und Kekse in der Unterkunft.
Der South Kaibab Trail bis zum Ooh Aah Point
Dort angekommen lasen wir uns Google Bewertungen über den South Kaibab Trail durch. Es sei normal, dass der Weg oben ein bisschen vereist ist. Wenn man vorsichtig läuft und sich weit am äußeren Rand hält, sei man safe, hieß es dort. Wir wollten es noch einmal versuchen. Und die Bewertungen hatten Recht! Es war zwar teilweise echt rutschig, aber wenn man das weiß und sich wie ein Pinguin vorsichtig vorwärtsbewegt, hat man eigentlich nichts zu befürchten. Denn vereist war es wirklich nur stellenweise und auch nur ganz am Anfang des Weges.
Unser Mut wurde belohnt mit einer wunderschönen Wanderung hinein in den Canyon. Zwar waren wir nicht mehr so einsam, wie noch zuvor beim Shoshone Point, doch der Weg zum Aussichtspunkt war hier definitiv schöner. Tricky wurde es, als es wieder nach oben ging. Denn der Weg war wirklich steil. So steil, dass wir alle fünf Minuten eine Pause einlegen mussten. Hinzu kam die Sonne, die an diesem Tag vom wolkenlosen Himmel schien. Es war zwar nicht besonders heiß, vielleicht um die 15 Grad, doch ohne Schatten kam man auf dem Weg nach oben dennoch ganz schön ins Schwitzen. Nach circa 45 Minuten hatten wir es geschafft. Fazit: Hat sich sowas von gelohnt!
Die Vorteile eines Mietwagens: Vom Desert View zum West Rim Drive
Danach ließen wir es ruhiger angehen, ganz nach dem Motto: Genug Sport für heute. Die Vorteile eines Mietwagens sind, dass man den gesamten South Rim abfahren und überall anhalten kann, wo man mal in die Schlucht gucken will. Das geht mit den Shuttlebussen natürlich auch, aber eben nur nach Fahrplan, also dauert alles viel länger. Wir fuhren mit dem Auto bis zum Desert View Watchtower, der am östlichen Ende des Nationalparks liegt. Da haben wir einen Kaffee mit der besten Aussicht überhaupt getrunken. Direkt an der Klippe steht nämlich eine Bank. Wieder so ein Ort, an dem man sich stundenlang hätte aufhalten können …
Übrigens finde ich es echt beängstigend, wie nah manche Leute sich an die Klippe wagen – meist für ein Foto. Am Morgen haben wir zwei Leute gesehen, die über die Absperrung auf einen sehr schmalen Felsvorsprung geklettert sind und es sich dort gemütlich gemacht haben. Ich hätte dort keine ruhige Minute gehabt. Und wenn man ein bisschen im Netz recherchiert, erfährt man, dass es gar nicht so selten vorkommt, dass Menschen sterben, weil sie in den Canyon stürzen …
Als nächstes wollten wir uns den Duck on a Rock anschauen Das ist ein Felsen, der (mit ein bisschen Fantasie) aussieht wie eine Quietsche-Ente und der, ja, eben auf einem Felsen steht. Dort sind wir nur kurz angehalten, denn die Zeit saß uns im Nacken. Wir wollten uns noch den Sonnenuntergang am Hopi-Point anschauen. Der liegt am West Rim Drive, den man in der Nebensaison bis Mai mit dem Auto befahren darf. Ab Mai dann nur noch mit dem Shuttlebus. Der Aussichtspunkt hielt, was er versprach und wir haben pünktlich um zehn nach sechs einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen.
Abendausklang im El Tovar
Doch damit war der Tag noch nicht zu Ende. Es war Valentinstag und Philipp hatte für den Abend einen Tisch im El Tovar reserviert, dem ältesten (und ich glaube auch schicksten) Restaurant im ganzen Park. Dort haben wir bei wirklich sehr leckerem Essen und ein, zwei Gläschen Wein den Tag ausklingen lassen. Auch wenn der Weg dorthin wieder einmal ein bisschen abenteuerlich war. Da wir beide gerne einen Wein trinken wollten, entschieden wir uns, zu Fuß zu gehen. Immerhin sollte der Weg in wenigen Minuten machbar sein. Dazu sei aber gesagt: Der Park ist wirklich perfekt auf Autofahrer ausgelegt, als Fußgänger hingegen lebt man mitunter etwas gefährlich – vor allem im Dunkeln. Unser Weg zum Restaurant war etwas, nunja, sagen wir konfus. Für den Weg zurück zu unserer Lodge wählten wir einen anderen, zum Glück deutlich entspannteren Weg. Somit endete der Tag so, wie er auch begonnen hatte: ein wenig chaotisch und nicht unbedingt planmäßig – aber wunderschön.