Road Trip Tag 6: Los Angeles bis Needles

Kaum fährt man aus L.A. raus, wird der Verkehr immer weniger. Für uns eine Wohltat – immerhin haben wir einige Stunden auf den verstopften Straßen L.A.s verbracht. Die Berge im Hintergrund rücken immer näher, die Landschaft wird staubiger, sandiger, trockener. Als hätte jemand einen Sepia-Filter über alles drübergelegt. Auf unserem Weg nach Osten sollte das langfristige Ziel die South Rim des Grand Canyon sein, doch der Weg war weit und gespickt mit einigen Highlights, die wir und nicht entgehen lassen wollten.

Ein erster kurzer Zwischenstopp sollte Pioneertown sein, eine kleine Gemeinde nahe Yucca Valley und im Stil einer alten Westernstadt gehalten. Hier gibt’s Westernshows, Souvenier-Shops und einen Saloon. Es ist wirklich cool gemacht, aber natürlich komplett touristisch – was nicht immer negativ sein muss. Schauspieler und Filmemacher haben diesen Ort einst gegründet. Die Idee: Hier sollten Westernfilme gedreht werden und die Filmcrew konnte nach Drehschluss einfach dort bleiben. Deshalb sehen die Gebäude von außen aus wie aus einem Western, sind von innen aber modern. Es sind Eisdielen, Bowlingbahnen und Gaststätten drin. Hier wurden auch schon richtig viele Westernfilme gedreht. Da das aber nicht so unser Favourite-Genre ist, sind wir vermutlich komplette Banausen und wissen gar nicht zu schätzen, wo wir da waren. Wir haben hier einen Kaffee getrunken und ein zimtiges Gebäckteil gegessen. Alles in allem ein netter Abstecher, aber kein Muss. Kann man aber mitnehmen, wenn er auf dem Weg liegt.

Stippvisite zwischen Felsen

Unser nächster Stop sollte der Joshua Tree Nationalpark werden. Der liegt zwischen der Mojave Wüste und der Colorado Wüste. Die Städte wurden kleiner,  bis nur noch Siedlungen übrigblieben. Und auch die verschwanden irgendwann.

Wir haben 30$ Eintritt für den Park gezahlt. Dafür kann man sich dann aber auch sieben Tage dort aufhalten und sogar im Park campen. Für unseren eher kurzen Stopp war der Eintritt mal wieder happig. Rückblickend sind wir dennoch froh, ihn gemacht zu haben.

Wenn man mehrere Nationalparks besuchen möchte, kann man sich für 80$ den „America the Beautiful“-Pass holen, quasi eine Nationalpark-Flatrate. Da wir aber nur zwei Parks besuchen wollten, hätte sich der Pass für uns nicht gelohnt. Ab drei Parks spart man schon.

Da wir wieder einmal zu wenig Zeit für zu viele Möglichkeiten hatten, entschieden wir uns für eine kurze Wanderung durch den Park: den Hidden Valley Trail. 1,6 Kilometer und Family-friendly – was wir später noch zu spüren bekommen sollten. Der Weg gilt aber auch als einer der landschaftlich schönsten im Park. Ein weiteres Argument auf der Pro-Seite.

Parkplätze gab’s am Trailhead zur Genüge und an einer der Picknick-Areas nahmen wir uns noch Zeit für eine kleine Stärkung, die wir eingepackt hatten (Cracker mit Guacamole – besonders Kirsten hat in Kalifornien eindeutig zu viel Avocado für ihre Klimabilanz gegessen … Asche über ihr Haupt). Hier konnte man auch noch einmal auf’s (Plumps-)Klo gehen und dann sollte unserem kleinen Abenteuer im Joshua Tree Nationalpark nichts mehr im Wege stehen.

Die Felsformationen im Park sind riesig. Also gigantisch. Hier haben wir viele Kletterer gesehen, die sich die steilen Klippen hinaufhangeln. Perfekt also für Abenteuerjunkies, die ihr Leben gern mit einem Seil an einen Monster-Felsen hängen. Wir meinen auf einer der Infotafeln gelesen zu haben, dass die Felsen wie riesige Schwämme funktionieren, die das Regenwasser aufsaugen, speichern und an den Boden abgeben. Deshalb wachsen die wenigen grünen Pflanzen im Park auch immer eher in der Nähe der Felsen (Achtung – gefährliches Halbwissen).

Der Hidden Valley Trail hielt was er versprach: Er führte uns auf einer moderaten Strecke durch die wunderschöne Landschaft des Parks. Vorbei an Infotafeln, auf denen man Wissenswertes über den Park, seine Pflanzen- und Tierwelt nachlesen konnte. Einmal huschte sogar ein kleiner Gecko über den Weg. Doch er war zu schnell für unsere Kameras.

Doch bei aller Schönheit des Parks gabs dann doch ein kleines Manko. Stichwort „Family-friendly“. Wir waren – natürlich – nicht allein auf dem Trail. Das hatten wir uns auch gar nicht so vorgestellt. Vor allem, weil wir an einem Samstag dort waren. Jedoch sind wir immer wieder in riesigen Pulks von Menschen gelandet, die einen gefühlt vor sich hergeschoben und sich lauthals „unterhalten“ haben. Also sind wir immer wieder angehalten, haben die Menschen vorbeiziehen lassen, um wenigstens für einen kurzen Abschnitt wieder ein wenig Ruhe und die Schönheit der Natur genießen zu können.

Zurück am Auto hätten wir gerne noch eine weitere Wanderung durch den Park gemacht, denn die Natur dort hat es uns echt angetan. Doch mit Blick auf die Uhr mussten wir uns wohl oder übel losreißen. Denn wir hatten für diesen Tag noch einen weiteren Stop geplant.

Auf dem Weg aus dem Park heraus haben wir noch am Skull Rock Halt gemacht. Das ist ein Felsen, der (obviously) aussieht wie ein Totenkopf. Ein cooler Spot, aber uns war es hier eindeutig zu voll. Unser nächster Stop sollte dazu den perfekten Kontrast bieten. Denn so viel verrate ich schon hier: Es ist ein Lost Place mitten in der Wüste. Klingt unheimlich? War es auch.

Stopp in der Geisterstadt Amboy

Nach dem Ausgang des Joshua Tree Nationalparks kreuzten wir kurz die kleine Stadt Twentynine Palms – wie Yucca Valley ein Tor vom und zum Nationalpark. Und dann kam ganz lange nichts. Auf der Amboy Road ging es endlos lange geradeaus bis nach Amboy. Einem verlassenen Ort an der Route 66. Keine Städte, keine Siedlungen, nicht einmal mehr vereinzelte Häuser rechts und links der Straße. Nur Weite, die irgendwo in den Bergen endet. Hin und wieder kamen uns Autos entgegen. Beruhigend. In der Ferne sahen wir, wie sich einer der typischen, kilometerlangen Züge durch die Wüste schlängelte.

Unser Ziel, Amboy, war ursprünglich mal eine Eisenbahnstation. Die ersten Menschen sollen 1858 hier ansässig geworden sein. Mit dem Bau der Route 66 boomte die kleine Stadt. Für Leute auf der Durchreise war es die einzige Möglichkeit, zu tanken, was zu essen oder zu übernachten. Als in den Siebzigern die Interstate gebaut wurde, über die man viel schneller war, verirrte sich kaum noch jemand nach Amboy. 2003 lebten nur noch sieben Leute dort. Die um 1900 gegründete Schule und Roys Cafe, das 1939 eröffnete, waren längst wieder geschlossen. Die letzten Bewohner versuchten, den Ort auf eBay zu versteigern. Allein das ist schon mehr als kurios. Doch sie bekamen nicht den gewünschten Betrag. 2005 kaufte Albert Okura die Stad für rund eine halbe Million US-Dollar. Das steht so alles zumindest auf Wikipedia.

Als wir in Amboy ankamen, ging gerade die Sonne hinter den Bergen unter. Das Licht war einmalig! Natürlich haben wir Fotos mit dem großen Route-66-Schriftzug auf der Straße gemacht. Dann haben wir noch das leerstehende Motel erkundet. Die einzelnen Hütten standen nämlich offen. Ich (Kirsten) hab‘s da drin nicht lange ausgehalten und bin mir ganz sicher: Da spukts nachts!

Das Post Office ist übrigens nicht verlassen. Und die Tankstelle auch nicht. Da ist heute ein Souvenir-Shop drin. Philipp hat dort ein Root-Bier gekauft – in dem Glauben, dass es ein richtiges Bier ist. Abends im Hotel dann die Ernüchterung – im wahrsten Sinne. Es ist ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk – was ja an sich auch okay ist – nur hat es wirklich bescheiden geschmeckt. Rauchig und gleichzeitig süß. Gar nicht unser Fall. Aber nun wissen wir das auch.

Amboy war ein Highlight für uns. Wir haben diese gespenstige Atmosphäre dort mitten in der Mojave Wüste auf eine seltsame Art total genossen. Das spezielle Licht der Dämmerung hat es noch besonderer gemacht. An diesem verlassenen Ort mitten im Nirgendwo zu sein, sich vorzustellen, wie da Leben hier damals wohl mal ausgesehen hat, war ein einmaliges Gefühl.

Nachtlager im Nichts – bzw. Needles

Nachdem die Sonne untergegangen und Amboy zunehmend in der Dunkelheit verschwand, machten wir uns auf den Weg zu unserem Quartier für die Nacht. Needles liegt günstig genau auf halber Strecke zwischen Los Angeles und der Grand Canyon South Rim, sodass sich die kleine Stadt gut als Zwischenstopp eignet.

Unsere Unterkunft war das Rio del Sol Inn, ein kleines Motel direkt an der Abfahrt der Interstate. Wir hatten den Eindruck, dass es aufgrund seiner günstigen Lage vor allem von Arbeitern genutzt wird, die irgendwohin unterwegs waren. Aber es gibt auch einen Pool und an der Rezeption lassen sich Snacks und Drinks kaufen. Also war es auch für touristische Zwischenstopps gut geeignet. Vor unserem Zimmer hat uns noch ein Typ mit einem riesigen Pick Up in ein nicht enden wollendes Gespräch verwickelt. Als wir ihm sagten, dass wir aus Deutschland sind, hat er uns mit Tipps zugepflastert und fand es witzig, dass bei uns vermutlich grad Schnee liegt. Wir haben ihn irgendwann abgewimmelt und für den Rest des Abends zugesehen, dass wir ihm nicht nochmal über den Weg laufen …

Bis auf Übernachtungs- und Essensmöglichkeiten hat Needles nicht viel zu bieten, oder anders ausgedrückt: Needles ist bekannt für absolut gar nichts. So stand es zumindest im Wagon Wheel, dem Diner direkt gegenüber unserem Motel. Das Wagon Wheel ist ein uriges Diner und genau so, wie man sich so einen Laden direkt an der Route 66 vorstellt. Es sah eigentlich genau so aus, wie die auf amerikanisch getrimmten Restaurants hier in Deutschland, die dann so kreative Namen wie Road Stop oder schlicht Route 66 tragen – nur halt in echt und absolut original und authentisch (sowohl von der Einrichtung als auch der Kundschaft). Erwartungsgemäß war es nicht einfach, etwas Vegetarisches zu Essen zu bekommen, aber unser Abendessen war sehr lecker. Und das Bett auch bequem – was will man mehr?