Mit dem Boot in die Abgeschiedenheit: Drei Tage Tortuguero
Nach vier Nächten war es für uns an der Zeit, Puerto Viejo gen Norden zu verlassen. Der Karibikküste würden wir noch ein paar Tage treu bleiben, allerdings winkte wieder ein eigenes Apartment mit eigener Küche – nach ein paar Nächten im Hostel immer etwas, worauf wir uns besonders gefreut hatten. Die karibischen Vibes würden allerdings in Puerto Viejo bleiben, denn für uns ging es jetzt in den Tortuguero Nationalpark, einem nur per Flugzeug oder Boot erreichbaren Nationalpark im Nordosten Costa Ricas. Generell ist die Anreise also schon ein kleines Abenteuer. Für alle, die wie wir aus Puerto Viejo und mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin wollen, wird daraus aber schnell ein großes. Busse gibt es zwar, allerdings keine direkten, drei bis vier Busse plus das Boot hätten es je nach Tageszeit werden müssen. Natürlich ohne Anschlussgarantie, was in Costa Rica so viel heißt wie: Vergiss es. Das und die Tatsache, dass wir die Megareise aus Puerto Jiménez immer noch nicht ganz verdaut hatten, sprachen sehr dafür, uns nach einer alternativen Anreise umzuschauen. Praktischerweise gab es einen Shuttleservice von Puerto Viejo nach Tortuguero. 50 Euro pro Person sollte der Spaß kosten. Teuer, überhaupt nicht im Budget, aber mehr oder weniger alternativlos. Darüber hinaus noch verhältnismäßig komfortabel und schnell, denn statt mindestens zwölf Stunden dauert es nur die Hälfte der Zeit. Genug Argumente also, um in den teuren Apfel zu beißen. Und um mal wieder viel zu früh aufzustehen, denn unser Shuttlebus holte uns schon um kurz nach 6 am Hostel ab. Yay.
Der Bus klapperte erst noch einige andere Unterkünfte ab, am Ende war er voll, sodass das Gepäck, das erst in die hinteren Sitzreihen gequetscht wurde, aufs Dach verfrachtet werden musste. Anschließend ging es in etwa zwei Stunden zu einem Umschlagpunkt des Shuttleunternehmens, an dem alle Busse aus verschiedenen Zielen zusammenkamen und die Passagiere in neue Busse verfrachtet wurden. Hier gab es außerdem eine kurze Pause inklusive kostenlosem Frühstück mit Kaffee, was uns sehr entgegenkam. Weniger entgegen kam uns die Tatsache, dass einem unserer Rucksäcke die Fahrt auf dem Dach nicht allzu gut bekommen war. Die gummierte Schicht am Boden des Rucksacks schien irgendwie teilweise geschmolzen zu sein, klebte wie verrückt und färbte alles, was sie berührte, blau ein. Uncool, aber so akut schlecht behandelbar. Musste also erstmal irgendwie gehen. Im nächsten Bus ging es über die Stadt Siquierres bis Cano Blanco, einer kleinen Siedlung, die nur aus einem Parkplatz für Busse und kleinen Stegen für die Boote nach Tortuguero zu bestehen schien. Cool war übrigens, dass die Anreise keine reine Shuttlefahrt war, sondern sich die Mitarbeiterin des Unternehmens, die mit an Bord war, als gute Reiseleiterin entpuppte, die allerhand über die Region zu erzählen wusste, was man selber kaum ahnte. So ist die Region um Siquierres ein großes Bananenanbaugebiet, aus dem die Bananen der bekannten Marke Chiquita stammen. Die Geschichten über die Carreros, die täglich kiloweise Bananen an Seilbahnen über die gesamte Plantage ziehen, waren schon bemerkenswert. Und stimmten nachdenklich, wenn man sich bewusst macht, wie wenig sie für so einen Knochenjob verdienen. Nämlich meistens nur so viel, dass sie davon gerade einmal wohnen und essen können. Leben um zu arbeiten also. Außerdem hielten wir einmal an einem Baum an, an dem sich riesige Hirschkäfer paarten (so riesig, dass sie schon ziemlich eklig, aber auch gleichzeitig sehr beeindruckend waren). Hoffentlich tritt da nachts niemand mal ausversehen drauf. Und wenn doch, weiß man nicht, ob man mit dem Käfer oder mit dem Menschen Mitleid haben sollte. Bah.
Mit dem Boot ins Dorf
Das letzte Stück der Anreise muss mit dem Boot erledigt werden, denn nach Tortuguero führen keine Straßen. Was vor allem dann sehr angenehm ist, wenn einem in den letzten Nächten Autos gefühlt durchs Schlafzimmer gefahren sind. Die Fahrt mit dem Boot hat uns jedenfalls schon einen sehr guten Eindruck vom Nationalpark gegeben. Ruhig sollte es werden, das Wasser hat sich kaum bewegt, überall war alles sehr grün (wobei uns das in Costa Rica mittlerweile nicht mehr überraschte), sogar ein Krokodil haben wir entdeckt (bzw. von unserer Reiseleiterin entdecken lassen). Nach etwa einer Stunde erreichten wir schließlich das Dorf Tortuguero. Es war gerade einmal Mittag, wir waren relativ fit und haben während der Anreise sogar noch einiges gelernt und kennenlernen dürfen. Zwar fühlten sich 50€ immer noch teuer an, bereut haben wir die Anreise per Shuttle aber keineswegs. Jetzt hieß es jedenfalls: zurechtfinden, einchecken, ausruhen.
Küche, Klimaanlage, kalte Dusche: Die Vor- und Nachteile unseres Apartments
Direkt am Anlegepunkt unseres Bootes wurden wir von einem netten Mann abgeholt, der unsere Namen auf einem Schild notiert hatte. Uns war weder klar, dass unsere Buchung eine Abholung beinhaltete, noch, wie der Typ wusste, dass wir hier ankommen würden. Boote können in Tortuguero nämlich quasi überall halten und die Hauptanlegestelle, an der die meisten Boote anlegen, war ganz woanders. Wir waren jedenfalls sehr irritiert aber auch angenehm überrascht. Und eigentlich sogar auch erleichtert, denn obwohl das Dorf sehr klein ist, verlaufen kann man sich hier trotzdem. Ausgeschildert ist nichts, richtige Straßen gibt es sowieso nicht und Google Maps versagt hier völlig, denn dort ist ganz Tortuguero nur ein großer grüner Blob. Keine Ahnung, wie wir unsere Unterkunft ohne Begleitung hätten finden sollen. So aber waren es nur wenige Minuten zu Fuß bis zu unserem Apartment für die nächsten drei Nächte.
Unser Apartment hat uns auf Anhieb gut gefallen. Im Erdgeschoss war die Küche untergebracht, Schlafzimmer mit Klimaanlage und Bad waren oben. Kühl und leise war es hier – und das ist für uns eigentlich schon mindestens die halbe Miete. Abstriche machten wir im Bad, denn in der Dusche gab es nur kaltes Wasser. Und leider nicht die Art kaltes Wasser wie in Puntarenas, wo eine Tagestemperatur von über 30 Grad die Leitungen warmhalten. Sondern richtig, richtig kaltes Wasser. Man fror sich beim Duschen einfach alles ab. Dafür war einem hinterher umso wärmer. Soll ja auch gesund sein. Außerdem hatten wir eine kleine Ameisenkolonie in der Küche, deren Zugangslöcher auf die Arbeitsplatte wir aber gemeinerweise so gut es ging mit Klebeband verriegelten. Sorry. Wir hatten hier jedenfalls drei sehr gute und ruhige Nächte mit dem mittlerweile üblichen Frühstück und Abendessen. Und um Tortuguero zu erkunden, mussten wir ausnahmsweise mal nicht erst in einen Ortskern laufen, denn hier war alles direkt vor unserer Tür.
Ein Spaziergang durch Tortuguero
Tortuguero erkunden ist schnell gemacht. Das Dorf hat eine dreistellige Einwohnerzahl und im Grunde befindet sich alles Nennens- und Sehenswerte auf einer einzigen Straße, an der sich Cafés, Restaurants, Touranbieter und hin und wieder Bootsanleger aneinanderreihen. Die Unterkünfte sind meist in kleineren Seitenstraßen angesiedelt, unser Apartment war dabei sogar eher in einem der normalen Wohngebiete. Wir haben von einem Ende zum anderen Ende des Dorfes maximal 30 Minuten gebraucht. Allerdings sind wir auch nicht sehr langsam geschlendert, denn das Wetter sah alles andere als vielversprechend aus und es begann irgendwann bedrohlich zu tröpfeln. Tortuguero ist nicht umsonst die regenreichste Region ganz Costa Ricas. Und so beschränkten wir unser Tortuguero-Sightseeing auf das Nötigste: Fotos machen, einkaufen im Supermarkt und ein kurzer Blick auf den Strand, der eher an die Nordsee erinnert als an eine Karibikküste und somit weniger zum Sonnenbaden oder Schwimmen einlädt. Stattdessen gibt es hier jede Menge Babyschildkröten, wenn man zur richtigen Jahreszeit hier ist.
Dem Regen sind wir so jedenfalls noch einmal entkommen und nutzten die Stubenhockerzeit dazu, den verletzten Rucksack so gut es ging zu verarzten. 80 %iger Reinigungsalkohol aus dem Supermarkt halfen zumindest ein wenig gegen das Kleben und Abfärben, Gaffatape aus dem Baumarkt (ja, den gibt es hier wirklich) regelte den Rest. Do-it-yourself-Rucksackreparatur war jedenfalls viel erfolgreicher als erwartet. So sollte der Rucksack die restliche Reise wohl überstehen können.
Fluss von unten, Regen von oben: Eine nasse Tour durch den Nationalpark
So hübsch wie wir das Dorf Tortuguero auch fanden, dafür allein nimmt man die weite Anreise nicht auf sich. Vor allem besucht man den Nationalpark, der in verschiedene Sektoren eingeteilt ist, die unabhängig voneinander besucht werden können. Wir hatten die Wahl zwischen einer Wanderung zur höchsten Erhebung der Karibikküste am nördlichen Ende von Tortuguero sowie einer Wanderung oder einer Bootstour durch den südlichen Teil des Parks. Da der Park mit vielen Flussarmen durchzogen ist und sich das Leben in Tortuguero generell am und auf dem Wasser abspielt, entschieden wir uns für letzteres, was auch generell die wohl beliebteste Art ist, den Nationalpark zu erkunden. Endlos viele Anbieter verkaufen einem Bootstouren auf der Hauptstraße Tortugueros, an Angeboten mangelt es nicht. Wir hatten schon im Vorfeld unserer Reise von Ernesto erfahren, der in Tortuguero aufgewachsen ist und seit Jahrzehnten Bootstouren durch den Park anbietet. Das Besondere ist, dass er auf kleine Gruppen in einem Ruderboot ohne Motor setzt, das erstens lautlos durch den Fluss gleiten kann, ohne Tiere zu verscheuchen und zweitens klein genug ist, um enge, versteckte Flussarme zu passieren, die von den größeren Touren ausgelassen werden müssen. Außerdem versucht Ernesto, immer ein bisschen antizyklisch im Park unterwegs zu sein, also dann, wenn die anderen Touren entweder größtenteils vorbei sind oder noch nicht losgefahren sind. Klang also auf jeden Fall vielversprechend.
Die ursprünglich auf 12:30 angesetzte Tour hatte Ernesto am Vorabend auf 10:30 vorverlegt („bad weather coming my friend“), allerdings sah der Himmel zu Beginn unserer Tour trotzdem schon ziemlich grau aus… Trotzdem sind wir guter Dinge losgerudert – wobei nur Ernesto selbst gerudert hat, mit der klaren Anweisung an uns, die Fahrt zu genießen und in Ruhe Fotos zu schießen. Kein Problem! Tatsächlich waren wir zu dieser Zeit weitgehend die einzigen, die auf dem Fluss waren, bis auf die Natur, das Wasser und Ernestos Geschichten über den Park war weit und breit nichts zu hören. Viele Vögel hatten es sich auf Treibholz auf dem Fluss gemütlich gemacht, in den Ästen hingen Leguane herum, die wohl auch auf besseres und wärmeres Wetter hofften. Angeblich kamen wir auch an einem Faultier vorbei, das hat allerdings nur Ernestos geschulter Blick sehen können, während für uns nur das Baumrascheln übrigblieb. Unsere Highlights der Tour waren die kleinen Flussarme, in der selbst unser schmales Boot gerade so Platz hatte. Hier haben wir sogar kleine Kaimane gesehen, die sich (vergeblich) zwischen Wasserlilien versteckten. Zusätzlicher Vorteil der kleinen Flussarme: Sie waren tief im Dickicht, boten also einen guten Schutz gegen Regen, dem wir leider am Ende doch nicht entkommen konnten. Spätestens, als wir den kleinen Seitenarm verließen, waren wir innerhalb weniger Minuten – und trotz Regenjacken – komplett nass. Die Tour fiel ab dann im wahrsten Sinne des Wortes mehr oder weniger ins Wasser. Ernesto zog zwar knallhart durch, aber weder ließen sich bei dem Wetter noch viele Tiere blicken, noch konnten wir seinen Erklärungen durch unsere Kapuzen und den trommelnden Regen besonders gut folgen. Vier Stunden waren wir am Ende unterwegs und haben trotz des Wetters einen guten Eindruck von Tortuguero Nationalpark bekommen. Wir konnten leider nur erahnen, wie viel schöner noch alles ausgesehen hätte, wenn sich die Sonne gezeigt hätte. Aber gut, man kann nicht alles haben. Und Regen in der regenreichsten Region des Landes verbuchen wir jetzt einfach mal als Normalzustand und nicht unter „Pech gehabt“. Vielleicht müssen wir einfach irgendwann nochmal wiederkommen. Und dann vielleicht zu der Zeit, in der die Babyschildkröten am Strand schlüpfen.