Marktbesuch mit Boot: Der Cai Rang Floating Market
Was für Ben Tre gegolten hat, gilt auch für Can Tho und vermutlich auch jede andere Stadt im Mekongdelta: die Stadt, ihre Umgebung und ihre Eigenarten lernt man am besten auf einer Bootstour auf dem Mekong kennen. Can Tho ist hierfür ein besonders beliebter Ausgangspunkt, denn am Rande der Innenstadt befindet sich mit dem Cai Rang Floating Market der größte schwimmende Markt des Mekongdeltas. Für eine Tour dorthin muss man eigentlich nur sein Hotel verlassen und schon wird man von Leuten angesprochen, die Tickets verkaufen wollen. Wir haben eine eher privatere Tour mit Susan, die wir via Facebook ausfindig gemacht haben, gebucht. Susan lebt in Can Tho und macht diese Tour seit vielen Jahren, sie kennt sich also nicht nur in der Region aus, sondern auch viele Händler des Markts. Außerdem sollte es kein reiner Marktausflug bleiben, sondern wir sollten noch jede Menge mehr erleben.
Die erste Herausforderung war es wieder einmal, sich dem Drang zu widersetzen, sich einfach wieder ins Bett zu legen, denn los ging es schon um 5 Uhr morgens. Der Markt hat zwar den ganzen Tag geöffnet, allerdings ist nur morgens richtig was los. Wenn hin, dann also morgens. Außerdem ist es da noch nicht so brüllend heiß. Susan holte uns also um kurz nach 5 am Hotel ab und war schon deutlich wacher und besser gelaunter als wir. Am nahegelegenen Bootsanleger gingen wir dann an Bord, zwei andere Reisende waren auch dabei, außerdem die Steuerfrau, die das kleine Boot durch den Fluss manövrierte, während Susan uns schon einiges über Can Tho und den Markt erzählte – und wir so langsam wach wurden. Es wurde allmählich hell und es ging vorbei an schwimmenden Tankstellen und Hausbooten, während die Sonne neben uns aufging. Sonnenaufgänge sind schon ziemlich schön, schade, dass die immer früh morgens sind.
Frühstück auf dem Floating Market
Eine etwa 40-minütige Bootsfahrt lag zwischen Can Tho und dem schwimmenden Markt. Lag aber auch daran, dass unser Boot viel kleiner und langsamer war als viele andere, die uns hin und wieder überholten. Das kleine schmale Boot sollte sich später aber noch als sehr nützlich erweisen und eilig hatten wir es ohnehin nicht. Als wir das Tor bzw. die Brücke zum Cai Rang Floating Market passierten, füllte sich der Fluss zunehmend mit Händlerbooten. Manche waren nur kleine Ein-Mann-Kanus, aus denen man meistens verzehrfertige Sachen kaufen konnte. Die mittelgroßen Boote verkauften meist Obst oder Gemüse. Zwischendurch fuhren wir an großen Schiffen vorbei, die quasi schwimmende Supermärkte sind und viele Produkte gleichzeitig anbieten. An langen Stangen, die weit über den Bug der Schiffe reichen, hängt jeweils das Produkt, das auf dem Schiff verkauft wird. Ziemlich clever und klappt so seit mehreren Jahrzehnten. Kaufen tun hier vor allem Zwischenhändler, denn meistens gibt es eine Mindestabnahmemenge von 10 kg. Die Zwischenhändler verkaufen dann wiederum an kleinere Stadtmärkte, Supermärkte und Restaurants. Susan hat uns von zwei kleinen Booten erstmal unser Frühstück besorgt – frischer Kaffee und ein Baguette mit Rührei (zum Glück ohne 10 kg Mindestabnahme). Und spätestens hier machte es sich bereits bezahlt, eine „persönliche Tour“ gebucht zu haben, denn die Tourboote größerer Anbieter machten alle an einem großen „Frühstücksboot“ Station, das ganz klar nur für Touristen da war, während wir unser authentisches Frühstück auf unserem kleinen Boot genießen durften. Zum Nachtisch gab es frische Ananas und Susan kaufte immer dann, wenn ein passendes Boot in Reichweite war oder an uns vorbeikam, noch ein bisschen Obst für später ein. Es fühlte sich gar nicht wie eine Tour an, vielmehr waren wir Zuschauer eines echten Marktbesuches einer Einheimischen.
Kurzarbeit in der Reispapierfabrik
Gegen halb 8 waren alle Einkäufe abgeschlossen, alle gesättigt und wir tatsächlich ziemlich wach. Wach genug, um den zweiten Stopp unserer Tour anzusteuern (oder: zuzuschauen, wie er angesteuert wurde, denn wir saßen ja nur faul im Boot). Unser Boot bog dafür in einen kleineren Seitenarm des großen Flusses ab und machte Station an einer Reispapierfabrik. Hier wurde uns erklärt und gezeigt, wie aus gemahlenem Reis (aus den Körnern, die gebrochen sind oder Risse haben und nicht zum Kochen verwendet werden – da sind die Asiaten penibel) Tapiokamehl und Wasser ein dünnflüssiger Teig geknetet und anschließend hauchdünne Fladen gebacken werden. Vietnamesische Crepes quasi, wenn man auch hier französischen Einfluss erkennen möchte (vermutlich unbegründet). Der Teig wurde sehr routiniert auf eine große heiße Platte gegossen, nach wenigen Sekunden auf einen runden Holzstab gerollt und zum Abkühlen auf Holzmatten wieder abgerollt. Das durften (oder mussten?) wir dann auch selbst ausprobieren und glücklicherweise ging bei unseren amateurhaften Versuchen, die Teigfladen auf- und abzurollen, keiner zu Bruch. Das Reispapier wird später zur Herstellung von Frühlingsrollen verwendet, kann aber auch in dünne Streifen geschnitten und als Reisnudeln verkauft werden. In allen Farben konnte man die frisch hergestellten Reisnudeln hier kaufen. Eine gelungene Mischung aus Touri-Stopp und echter Fabrik, auf jeden Fall ein interessanter Zwischenstopp.
Nochmal Coconut Candy und Beine vertreten im „local village“
Die nächste Station war eine Coconut Candy Fabrik. Das kannten wir ja schon aus Ben Tre, also haben wir uns da zurückgehalten und ehrlich gesagt auch gar nicht so richtig zugehört. Wir hatten auch noch genug Vorrat, kaufen wollten wir also auch nix. Weiter ging es dann zunächst zu Fuß durch ein kleines Dorf, von dem wir nicht wissen, wo es liegt oder wie es heißt, da Susan es nur „local village“ genannt hat. So ein Spaziergang durch irgendein Dorf klang jetzt erstmal unspannend, war aber am Ende gar nicht mal so uninteressant. Susan hat uns viele wilde Kräuter und Obstbäume gezeigt, die hier überall am Wegesrand wachsen (wilden Ingwer sieht man auch nicht so häufig), außerdem konnten wir dabei zu sehen, wie die Bewohner des Dorfes jede Menge Stecklinge der vielen Nutzpflanzen produzierten, die sie dann als Haupteinnahmequelle des Dorfes an umliegende Städte und Landwirtschaftsbetriebe verkauften. Wir wurden außerdem Zeuge eines seltsamen Theaterspiels, in dem sich zwei Drachen bekriegten, was sich am Ende als Beerdigungsritual herausstellte. Statt traurig in dunklen kalten Räumen zu sitzen verkleiden sich hier die Leute als Drachen, wenn jemand stirbt. Hat irgendwie auch was. Am anderen Ende des Dorfes wartete dann auch schon unsere gut gelaunte Kapitänin, um uns zum nächsten Stopp zu eskortieren.
Stärkung in der Drachenfruchtplantage
Unser nächster Halt war besonders lecker. Susan versorgte uns während der ganzen Tour immer mal wieder mit verschiedenem Obst, das sie am Morgen auf dem schwimmenden Markt gekauft hatte. Auf unserem nächsten Zwischenstopp durften wir uns nun eine Drachenfruchtplantage anschauen, die in einem sehr kleinen und engen Flussarm lag und von großen Booten gar nicht angesteuert werden kann. Hier wurde uns alles über den Anbau und die Ernte der Drachenfrüchte erklärt und natürlich durften wir auch frische Drachenfrüchte verköstigen. Die Drachenfrucht haben wir in Asien kennen und lieben gelernt, besonders die mit rotem Fruchtfleisch ist super saftig und süß. Dass so eine köstliche Frucht an Kaktusbäumen wächst, wussten wir bis zu unserem Besuch auf der Plantage allerdings auch nicht. Leider gab es nur eine Frucht zum Probieren, wir hätten hier stundenlang sitzen und Drachenfrüchte essen können, vor allem, wenn sie uns in mundgerechte Stücke geschnitten werden. Zurück im Boot gab es ausnahmsweise mal einen ungeplanten Halt. Die kleinen Flussarme sind nicht nur eng, sondern auch relativ flach, sodass man sich schnell in Pflanzen und deren Wurzeln verheddern kann, die im Wasser wachsen. Unsere Schiffsschraube fiel dann leider so einer Pflanze zum Opfer (war vermutlich auch nicht mehr die neuste). Zum Glück hatten wir eine Ersatzschraube dabei (man scheint mit sowas also zu rechnen), die nach einigen Minuten montiert war. Und dann ging es mit frischer Schraube zu unserer letzten Station.
Süßer Abschluss in der Kakaofarm
Auf unseren letzten Halt hatten wir uns schon den ganzen Tag gefreut, dieser war auch ein Grund, wieso wir die Tour mit Susan letztendlich gebucht hatten. Wir besuchten eine Kakaofarm, in der noch gezeigt wird, wie man traditionell ohne große moderne Maschinen Kakao und Schokolade herstellt. Die Kakaobäume wachsen hier wild und ohne besonderes System auf dem ganzen Gelände, die Kakaobohnen werden geerntet und gesammelt, sobald sie reif sind (also eine braune Farbe annehmen). Die Bohnen müssen dann zunächst eine Woche fermentieren und an der Sonne trocknen, bevor sie geröstet und gemahlen werden. Der Besitzer persönlich zeigte uns, wie die Kakaonibs (also die kleingehackten Bohnenstücke) gemahlen und dadurch zu Kakaomasse werden. Die durften wir auch probieren. Hundertprozentiger Kakao ist echt bitter und so gar nicht das, was man möchte, wenn man Lust auf Schokolade hat. Die Kakaomasse wird anschließend in Kakaopulver und Kakaobutter getrennt, woraus schließlich mit Zucker Schokoladentafeln oder Trinkschokolade gemacht werden. Es war ziemlich interessant zu sehen, wie das alles vonstattengeht und ohne große Maschinen gemacht wird. Und auch, zu lernen, wie viel Arbeit in der Herstellung von Schokolade steckt: aus 12 kg Bohnen werden nämlich gerade mal 700 g Kakaomasse, aus der wiederum knapp 500 g Kakaobutter und lächerliche 100 g Kakaopulver werden. Vielleicht essen wir unsere nächste Milkatafel mit etwas mehr Bewusstsein. Oder wir fressen sie einfach weiterhin gierig und in wenigen Minuten in uns hinein. Voraussichtlich letzteres. Am Ende der Tour bekamen wir noch eine eiskalte Trinkschokolade (die beste, die wir jemals irgendwo hatten) und kleine Schokoladenstücke (aus 80% Kakao und 20% Zucker) zum Probieren. Wir hätten nicht gedacht, dass uns so hochprozentige Schokolade so gut schmeckt. Vielleicht kaufen wir nach unserer Reise mal so eine Schokolade statt der billigen Milchschokolade (und fressen die dann gierig in uns hinein).
Die Tour mit Susan endete wie und wo sie begonnen hatte: müde und erschöpft vor unserem Hotel. Allerdings waren wir sehr froh und dankbar, dass wir diese tolle Tour entdeckt und mitgenommen haben und können Susan absolut weiterempfehlen. Wussten wir bis vor Kurzem noch nichts über das Mekongdelta, seine Bewohner und seine Städte, hatten wir jetzt – sowohl durch die Tour in Ben Tre als auch durch diese in Can Tho – das Gefühl, ein echt umfangreiches und authentisches Bild dieser Region gewonnen zu haben. Abends hieß es dann aber auch schon wieder: Rucksäcke packen. Morgen ging es schon wieder weiter. Allerdings weder mit dem Bus, noch mit dem Boot.