Kambodschas dunkles Kapitel: Auf den Spuren der Roten Khmer

Um Kambodschas dunkelstes Kapitel verstehen und kurz zusammenfassen zu können, muss man bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zurückgehen – in eine Zeit, in der Kolonien europäischer Großmächte noch gängig waren und die heutigen Staaten Laos, Vietnam und Kambodscha als Französisch-Indochina bekannt waren. Der französische Einfluss ist während des Krieges stark gesunken und Frankreichs Versuch der Wiederherstellung mündete 1946 im ersten Indochinakrieg zwischen Frankreich und einem Bündnis unter der Führung vietnamesischer Kommunisten. Frankreich musste sich schließlich 1954 geschlagen geben und gab seine Kolonie in Südostasien auf. Laos und Kambodscha erklärten ihre Unabhängigkeit, Vietnam wurde in einen von China kontrollierten Norden und einen von den USA unterstützten Süden geteilt, was 1955 wiederum zum zweiten Indochinakrieg oder Vietnamkrieg führte. Dieser schwappte ab 1965 immer mehr nach Kambodscha rüber, das Land versank zunehmend in Krieg, Instabilität und Chaos. Ein von den USA unterstützter Staatsstreich 1970 scheiterte 1975 letztendlich mit der Einnahme von Phnom Penh durch die Roten Khmer, einer kommunistischen, nationalistischen und rassistischen Guerillabewegung unter der Führung von Pol Pot. Die Roten Khmer verwandelten Kambodscha in die „Volksrepublik Demokratisches Kampuchea“ mit dem Ziel, einen autarken Bauernstaat zu errichten. Radikal wurden dafür die Menschen aus den Städten vertrieben und zu Landarbeit gezwungen. Geld und Besitz wurden abgeschafft, Bildungs- und kulturelle Einrichtungen zerstört. Ethnische Minderheiten wurden genauso verfolgt und getötet wie Intellektuelle, Beamte und Politiker aus dem eigenen Volk. Diese radikale „Umstrukturierung“ resultierte letztendlich in einem beispiellosen Autogenozid, in dem etwa ein Viertel aller Kambodschaner ihr Leben verloren. Die Herrschaft der Roten Khmer über Kambodscha endete mehr oder weniger abrupt, als sie den etwas sehr ambitionierten Versuch wagten, das Mekongdelta einzunehmen, was ziemlich schnell zu einer vietnamesischen Gegenoffensive bis zur Einnahme Phnom Penhs im Januar 1979 führte. Bis heute wird die Schreckensherrschaft der Roten Khmer aufgearbeitet, immer noch werden Urteile gefällt.

Die Choung Ek Killing Fields

Zur Aufarbeitung der Zeit der Roten Khmer gehört auch, verschiedene historische Standorte für Besucher zugänglich zu machen. In Phnom Penh kann man sich vor allem zwei Orte anschauen und trotz der traurigen und bedrückenden Atmosphäre würden wir auch beide Orte empfehlen. Für uns ging es zunächst mit einem Tuktuk zu den Killing Fields von Choung Ek, etwa 40 Minuten außerhalb der Innenstadt. Killing Fields ist die sehr plakative (aber auch sehr passende) Bezeichnung für mehr als 300 Areale in ganz Kambodscha, in denen Massentötungen vorgenommen wurden. Die Killing Fields von Choung Ek sind die bekanntesten und vermutlich die für Touristen am besten zugänglichen. Im Eintrittspreis von 6$ ist ein Audioguide (auch auf Deutsch) enthalten – theoretisch kann man auch nur 3$ für den reinen Eintritt zahlen, dann läuft man aber auch nur ziellos umher. Der Audioguide führte uns einmal über das Gelände und erzählte uns viel über die Massengräber, in denen bis heute noch Kleidungsstücke, aber auch Knochen und Zähne gefunden werden (vor allem in der Regenzeit, wenn die Grabstätten zu Schlammlöchern werden). Zwischendurch wurden auch Zeitzeugenberichte mit Originaltonaufnahmen eingespielt. Es war also nicht langweilig, auch wenn man sonst nicht auf Museen und Gedenkstätten steht. Am gruseligsten war der sogenannte Killing Tree, gegen den Babys geschlagen wurden, bis die tot waren und ins danebenliegende Loch geworfen wurden. Ziemlich unheimlicher Ort, aber auf seine ganz besondere Weise unbedingt sehenswert.

Das Tuol Sleng Genozid Museum

Nach den Killing Fields ging es mit dem Tuktuk wieder in Richtung Innenstadt. Die kurze Pause in einem klimatisierten Restaurant war dringend notwendig, denn trotz der düsteren und kalten Atmosphäre brannte die Sonne auf den Killing Fields genauso stark wie sonst. Anschließend ging es ins Tuol Sleng Museum, dem zweiten bedeutenden historischen Ort, den man in Phnom Penh besuchen kann. Tuol Sleng war ursprünglich eine Schule, wurde aber während der Zeit der Roten Khmer zum Gefängnis umfunktioniert. Hier wurden tausende Leute nicht nur gefangen gehalten, sondern auch gefoltert und dadurch zu Geständnissen gezwungen – meist für irgendwas, was sie nicht begangen hatten, um ihre Verurteilung zu legitimieren. Wer hier eingeliefert wurde, galt praktisch als tot, nur eine einstellige Zahl an Insassen überlebten die Haft. Die Hinrichtungen derer, die nicht „aus Versehen“ durch die Folter oder die schlechten Haftbedingungen starben, fanden auf den Killing Fields in Choung Ek statt. Logischer wäre also gewesen, sich erst das Gefängnis und dann die Killing Fields anzusehen, wir wollten aber der brutalen Nachmittagshitze auf offener Fläche entgehen und haben die Reihenfolge umgedreht. Für das Tuol Sleng Museum haben wir diesmal 5$ Eintritt bezahlt und nochmal 5$ für den Audioguide (auch hier gilt: ohne Audioguide lohnt sich der Besuch eigentlich nicht). Die Atmosphäre war hier nochmal bedrückender als auf den Killing Fields. Hier wirkte alles nochmal lebendiger, weil man durch die Gebäude gehen, die Folterkammern und Folterinstrumente sehen und sogar einzelne Zellen betreten konnte, in denen man gerade mal aufrecht stehen oder angewinkelt sitzen konnte. Fotowände zeigten die Gesichter der Inhaftierten zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung, Gemälde dokumentierten den Alltag im Gefängnis. Sogar einer der letzten lebenden Überlebenden war anwesend, um Fragen zu beantworten (okay, und um sein Buch zu verkaufen, was aber bestimmt sehr lesenswert ist). Mit dem Sonnenuntergang waren wir dann durch mit dem Museum – und generell mit Kultur und Geschichte, besonders mit so blutiger und frustrierender. Wir sind aber sehr froh, uns einen Tag für diese beiden Orte genommen zu haben – und um unseren Audioguide zu zitieren: Wir sind jetzt selbst zu Bewahrern dieser Geschichte geworden, damit sie nicht vergessen wird.