Europa ganz nah: Auf und ab in Tanger
Zentral wohnen mal anders
Unser drittes Ziel in Marokko lag ganz im Norden des Landes. Tanger liegt an der nordafrikanischen Küste und ist schon so nah an der Straße von Gibraltar, das man bei gutem Wetter bis nach Spanien gucken kann. Wir sind wieder mit dem CTM-Bus angereist. Die Fahrt war zwar länger, aber wieder sehr bequem. Auffällig waren bei dieser Fahrt die vielen Polizei- bzw. Passkontrollen. Bei einer wurde ein Passagier sogar aus unserem Bus rausgezogen und durfte nicht mehr weiterfahren. Wir gehen davon aus, dass Tanger sich durch seine Lage gut als Ausgangspunkt für Schleuser von Flüchtenden nach Europa eignet und Marokko (vermutlich auch mit Druck von der EU) potentielle Kandidaten vorzeitig an so einem Vorhaben hindert. Unsere Pässe wollten die Beamten übrigens nie sehen, die Info, dass wir aus Deutschland kommen, hat ihnen wohl genügt.
Wie auch in Rabat lag das Busterminal von CTM in Tanger außerhalb der Stadt, wir sind also noch mit einem Taxi bis an die Tore zur Medina gefahren. Auch in Tanger hatten wir uns für eine Unterkunft in der Altstadt entschieden, wobei das Preisniveau hier schon deutlicher angezogen war als in Rabat. Leider war das Dar Tanger Medina dann auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Die Dachterrasse war zwar schön und bot einen wirklich tollen Blick über Tanger, ansonsten wirkte es aber ein wenig abgewohnt und der Besitzer, der uns jeden Tag eineinhalb Ohren abkaute und keine Gelegenheit ausließ, uns in ein ganz tolles und preiswertes Restaurant zu locken (das wir schon aus Prinzip, aber auch wegen der nicht gerade guten Google-Bewertungen nicht besuchten) schien sich ein bisschen zu sehr auf den Booking-Bewertungen der Vergangenheit auszuruhen. Stolz auf eine Plakette mit einer Durchschnittsbewertung von 8,6 zu zeigen, während sie zu unserem Zeitpunkt gerade noch eine 8,0 war, macht auch nicht unbedingt den besten Eindruck. Vor allem auch dann nicht, wenn man das Zimmer direkt neben der Rezeption bekommt. Hier gehen logischerweise die Gäste ein und aus, checken ein, stellen Fragen…und nerven die, die das Zimmer direkt nebenan abbekommen haben. Zweiter Nachteil war, dass die Fenster zu einer schmalen und sehr belebten Gasse der Medina zeigten. Trotz doppelter Fenster und Rollos hörte man den Trubel von unten sehr gut – und leider bis spät in die Nacht. Wer weiß, wie sich Marokkaner in „normaler Lautstärke“ unterhalten, kann sich ungefähr vorstellen, wie sich das dann anhört. Denn auch nachts um drei ist niemand auf die Idee gekommen, ein wenig Rücksicht auf andere zu nehmen. Wobei wir uns schon allein darüber gewundert haben, dass zu dieser Uhrzeit überhaupt noch Leute unterwegs waren. Mit Ohrenstöpseln haben wir am Ende aber doch überraschend gut geschlafen. Für ein bisschen Sightseeing waren wir jedenfalls immer fit genug. Einen erholsamen Aufenthalt hatte man hier aber eher nicht.
Die Medina von Tanger
Die Altstadt von Tanger war ganz anders als die, die wir bisher aus Casablanca und Rabat kannten. Einerseits architektonisch, denn hier war alles wieder ein wenig schicker. Wir hatten den Eindruck, dass die Stadt an sich ein bisschen reicher und touristischer ist (was sich wahrscheinlich gegenseitig bedingt) und dadurch alles ein bisschen schöner aussieht als anderswo. Andererseits hatten wir den Eindruck, dass der stärkere Tourismus hier auch vermehrt dazu führt, dass man häufiger auf Menschen mit weniger guten Absichten trifft. Sogar der Besitzer unserer Unterkunft hat uns davor gewarnt – die einzige Information von ihm, die uns wirklich geholfen hat. Tatsächlich wurden wir direkt bei unserer Ankunft mehrfach angesprochen, ob wir Hilfe brauchen, inklusiver völlig unbrauchbarer Hinweise, in welcher Richtung Hotel xy liegt, ohne, dass wir dort hingewollt hätten. War es in Asien und Mittelamerika noch eher das „no thank you“, das einen weiter- bzw. wegbrachte, war es in Marokko das anfangs etwas stumpf wirkende, aber sehr effektive totale Ignorieren. Denn das „nein“ wurde hier schnell als Gesprächseinstieg interpretiert, woraufhin man am Ende einfach weiter belästigt wurde. Das Gute ist: Man wird hier so oft angesprochen, dass man das Ignorieren schnell lernt und in kurzer Zeit dann doch relativ souverän durch die Medina spazieren kann. Unser Weg führte wie schon in Rabat durch die Kasbah von Tanger und schließlich zum berühmten Café Hafa, wo man einen sehr guten (wenn auch sehr süßen) Minztee mit Meerblick genießen kann. An den Abenden haben wir in der Medina außerdem immer gut gegessen. Am Ende wurde es einmal syrisch und zweimal marokkanisch, jedes Mal sehr gut und vor allem: selbst gefunden dank Google Maps, ohne zweifelhafte Empfehlung des Hotelbesitzers.
Stadtstrand mit Spanienblick
Während in den meisten Städten in Marokko die Medina die große Attraktion ist, kann Tanger dank seiner Mittelmeerlage auch noch mit einem schönen und großen Strand trumpfen. Der breite Sandstrand zieht sich wie ein Gürtel um die Stadt und schien sehr gepflegt. Alles war sauber, das Wasser war klar und dank seiner Größe (und womöglich auch der Tatsache, dass die Schulferien in Europa noch nicht angefangen hatten) haben sich die Besucher sehr gut verteilt. Wer wollte, konnte am Strand außerdem auf Pferden oder Kamelen reiten oder sich bei Verkäufern mit Snacks und Getränken eindecken. Natürlich alkoholfrei. Durch die westlichen Touristen, die hier teilweise in Bikini am Strand lagen, konnte man fast vergessen, dass man gerade in Marokko war. Auch sonst schien der Teil von Tanger, der außerhalb der Altstadtmauern lag, ziemlich modern zu sein. Ähnlich wie in Casablanca gab es Malls mit westlichen Marken und Fastfoodketten, direkt daneben aber auch wieder traditionelle Restaurants und Teestuben. Dieser Gegensatz zwischen Medina und „Neustadt“ zog sich während unserer Reise nicht nur durch Tanger, sondern durch alle Städte, die wir besucht haben. Und spiegelt am Ende vermutlich einen großen Gegensatz wider, der das ganze Land prägt. Ob Marokko ein traditionelles muslimisches Land bleiben oder ein weltoffenes modernes Land werden will, kann es am Ende nur selbst beantworten.