Auf den Spuren des Vietnamkriegs: Die Tunnel von Cu Chi
Nach langer Anreise erstmal ins Kino
Für unseren zweiten Tag in Ho Chi Minh Stadt hatten wir uns für eine Tour angemeldet, die uns ein wenig den Vietnamkrieg näherbringen sollte. Wer sich in Ho Chi Minh Stadt befindet oder sich über die Stadt informiert, wird ziemlich schnell auf die Cu Chi Tunnel stoßen, ein Tunnelsystem nahe Ho Chi Minh Stadt, das die Vietcong im Vietnamkrieg zur Verteidigung gegen die Amerikaner genutzt haben. Uns lag jetzt nicht super viel an einem Tag Geschichtsunterricht, hatten es aber irgendwie auch komisch gefunden, sich den Ausflug entgehen zu lassen, wenn man schon mal so nah dran ist. Der niedrige Preis von 17€ pro Person (beinhaltend Anfahrt, Eintritt und Führung über das Gelände) und die gute Bewertung bei Getyourguide hatte uns dann letztendlich überzeugt, einen halben Tag zu investieren. Es ging mal wieder früh los, um 7:30 wurden wir am Office von Vietnam Adventure Tours erwartet, das zwar theoretisch zu Fuß erreichbar gewesen wäre, unsere Faulheit und der günstige Preis für einen Grab hatten aber über das Hinlaufen gesiegt. Im Office gab es für jeden einen Sticker zur Wiedererkennung und kurze Zeit später saßen wir im Reisebus Richtung Cu Chi. Das liegt zwar noch auf Stadtgebiet von Ho Chi Minh Stadt, trotzdem dauerte die Anreise knappe zwei Stunden. Und die zogen sich. Zum einen, weil unser Guide Informationen zu Cu Chi, die man in drei Minuten hätte erzählen können, auf einen halbstündigen Vortrag ausweitete, zum anderen, weil ein obligatorischer Stopp an einer Mischung aus Café und Souvenirshop anstand. Natürlich kaufte niemand irgendwas. Irgendwann waren wir aber tatsächlich da und unser Guide führte uns zu unserem ersten Stopp auf dem Gelände: ein kleines Gebäude, in dem ein uralter Schwarzweißfilm mit schlechter Vertonung über den Vietnamkrieg lief. Natürlich aus der Sicht der Vietnamesen und wenn man gemein ist, könnte man von Propaganda sprechen. Aber gut, Filme aus amerikanischer Sicht sind vermutlich gleichermaßen einseitig. Im Grunde war der Film eine Mischung daraus, wie schlimm und grausam alles war und wie die Vietnamesen den Amis so richtig in den Arsch getreten haben. Und das würde auch der Tenor für die Tour an sich werden.
Tunnel, Panzer und Fallen
Nach dem Film führte uns unser Guide über das Gelände. Unsere Gruppe war groß, bestimmt 20 Personen und so musste man gucken, dass der Abstand zum Guide nicht zu groß wurde. Zumindest, wenn man mitkriegen wollte, was er unterwegs zu sagen hatte. Außerdem musste man in etwa wissen, wie der Rest der Gruppe aussah. Es waren so viele Gruppen gleichzeitig unterwegs, dass man sich sonst schnell der falschen angeschlossen hätte. Unser erster Stopp war ein kleines schmales Loch im Boden, in dem sich Vietcong entweder schussbereit versteckt hielten oder das sie als Ein- oder Ausgang zum Tunnelsystem nutzten. Wer wollte, konnte sich selbst einmal in das Loch begeben und es über sich verschließen. Man wurde für die anderen (bzw. „den Feind“) unsichtbar. Interessante, aber sehr beklemmende Erfahrung. Es ging außerdem an einem zerstörten Panzer der Amerikaner vorbei, auf den man hier besonders stolz zu sein schien und an vielen Eingängen zum Tunnelsystem, das ursprünglich mehrere Hundert Kilometer lang war und in denen die Vietcong jahrelang gelebt haben. Durch ein kurzes Tunnelstück dürfen Touristen heute selber klettern. 100 Meter kann man maximal laufen, wobei es alle 20 Meter die Möglichkeit gibt, wieder ans Tageslicht zu klettern. Wir fanden es tatsächlich so eng und stickig dort unten, dass uns die ersten 20 Meter gereicht haben (und dieser Tunnel ist sogar extra für Touristen verbreitert worden…). Anschließend wurde uns eine Reihe von Fallen präsentiert, in die man fallen, drauftreten oder mit denen man sich in sonst irgendeiner Form Beine, Füße oder direkt den ganzen Körper zerschmettern und durchlöchern konnte. Kam einem ein bisschen so vor wie die Erwachsenenversion von „Kevin allein zu Haus“. Das Ganze wurde uns von unserem Guide mit einer Mischung aus Stolz und Schadenfreude erzählt und man war sich nicht wirklich sicher, was man davon halten sollte. Trauriger Höhepunkt war – das hörte man schon von Weitem durch den Dschungel – ein Schießstand auf dem Gelände. Dort konnte man, natürlich mit Waffen aus dem Krieg, auf bewegliche Ziele schießen. Patronen mussten extra gezahlt werden. Das fanden wir ziemlich makaber und unangebracht, da man uns hier einerseits versuchte näherzubringen, wie brutal hier viele Soldaten den Tod fanden, während man andererseits das sinnlose Rumballern anpries und verkaufte. Auf jeden Fall ein gewöhnungsbedürftiger Umgang mit einem Kriegsschauplatz. Besonders dämlich daran war, dass man auf seiner Tour auf jeden Fall an diesem Schießstand vorbeikam. Und wäre das nicht schon genug, befindet sich auch noch ein Souvenirshop und eine Cafeteria unmittelbar neben dem Schießstand. Wer also schon immer mal gemütlich einen Kaffee zu den Klängen einer Kalashnikov neben seinem Kopf genießen wollte, ist hier absolut richtig. Wir fühlten uns da sehr falsch.
Unser Eindruck und Fazit
Nach dem Schießstand ging es auch schon bald Richtung Ausgang und zurück in den Bus. Zwei Stunden hat die Rückfahrt gedauert, denn die Straßen von und nach Ho Chi Minh Stadt sind eigentlich immer voll. Wir waren erst nachmittags wieder im Hotel und so wurde aus einem halbtägigen Ausflug quasi eine Ganztagsveranstaltung, denn wir waren viel zu müde, um noch irgendetwas zu machen. Die Tour war interessant und wir haben nicht bereut, sie gebucht und gemacht zu haben. So oft ist man ja nicht in der Nähe, der Preis war absolut in Ordnung und wir hatten die Gelegenheit, etwas aus erster Hand und in sehr anschaulicher Art und Weise über den Vietnamkrieg zu lernen. Was negativ im Gedächtnis bleibt ist zum einen der völlig unnötige Schießstand und zum anderen das anhaltende Gefühl, nicht zu wissen, wie neutral und wahrheitsgemäß das ist, was einem dort gezeigt und erklärt wird. Klar, die Geschichte schreiben immer die Sieger, aber irgendwie hatte man nach der Tour trotzdem ein gewisses Bedürfnis, erstmal den Wikipedia-Artikel zum Vietnamkrieg zu lesen. Insgesamt waren es also gemischte Gefühle, was die Tour betrifft – aber am Ende waren wir froh, sie nicht ausgelassen zu haben.